Sonntag, 1.2.1998

Huhu.

Gestern Nacht hat mich ein betrunkener Weirdo an der Bushaltestelle vollgequatscht. Er war felsenfest davon überzeugt, daß die USA das beste und freiste Land der Welt sind, warum würden sonst "Alle" hier her ziehen wollen? Auch meinen Argumenten und ein paar direkten Vergleichen mit Hamburg, z.B. daß man in Hamburg in Bars rauchen darf und auch nach 2 Uhr nachts noch Alkohol bekommt (übrigens eine sehenswerte Szene, um 1:55 Uhr in einem Liquor-Store die rasend schnelle Abfertigung der letzten Schnapskaeufer zu beobachten, den Ladenbesitzer mit der Stoppuhr daneben) war er wenig aufgeschlossen, nur als ich ihn dann fragte, wieviel andere Länder er denn schon gesehen hätte und er zugeben mußte, nur in den Nachbarländern Kanada und Mexiko gewesen zu sein, da wurde er dann etwas nachdenklich. Die Gehirnwäsche per Medien und Schule haben die hier sehr gut drauf.

Ich war noch so spät unterwegs, nachdem ich mir ein Animationsfilmfestival angeschaut hatte, "Spike and Mike's sick and wisted", eine nette Sammlung von mehr oder weniger geschmacklosen bzw. "politically incorrect" Zeichentrick und Puppenanimationen, die hier so nicht im Fernsehen gesendet werden dürfen. Nichts, was bei uns nicht nach 23:00 Uhr gezeigt werden dürfte, aber das sit hier nun mal so mit der Freiheit... Ich hatte schon fast aufgegebn, da noch rein zu können, es war ausverkauft und ich stand ganz hinten in der "stanby line" für nicht abgeholte Tickets, aber dann hat mir ein Typ, dessen Verabredung nicht gekommen war, seine 2. Karte vertickt. Irgendwie hab ich in letzter Zeit ziemlich viel Glück, das macht mich misstrauisch, hmmm. Die Stimmung war ziemlich gut, das Publikum war sogar noch etwas aktiver als bei den Street-film-screening in Hamburg, eventuell sollte man hier auch mal sowas aus der Taufe heben. ANRRP-BayArea, sozusagen. Der CCC-BA macht auch gute Fortschritte, wir haben jetzt schon einige Räume ausgekundschaftet und werden dann bald unsere Texte und Treffen auf einem eigenen Webserver annoncieren. Einen kleinen Webserver habe ich jetzt auch für unser Projekt angefangen, bislang sind es aber noch nur Bilder der Ausstellung, noch ohne Erklärungstexte: http://cityspace.org/productionlab/

Vor 2 Tagen habe ich mein erstes Programm unter BeOS geschrieben, das Betriebssytem ist wirklich sehr nett und einfach. Das Programm liest die Position der Drehräder aus, von denen wir inzwischen 9 auf den Konsolen geplant haben. überhaupt sind wir mittlerweile so weit, daß wir quasi mit dem tasächlichen Aufbau starten können, wir machen erstmal Sperrholzmuster der Tischflächen, bevor wir das dann tatsächlich in die Edelstahlplatten fräsen. Einen neuen Programmiere haben wir auch im Team, John Dole. Ein recht sympatischer, ruhiger Typ, der, soweit ich das beurteilen kann, recht gut in unser Team passt und auch ein sehr guter Programmierer zu sein scheint.

So, ich muss jetzt aber mal wieder los, den restlichen Sonntag noch etwas mit Einkaufen verbringen, mir fehlen noch ein paar Programmierbücher. Marina und Zane haben sich dieses Wochenende mal ein paar Tage Urlaub gegönnt und sind nach Big Sur, ein Stückchen weiter im Süden, gefahren. Villeicht werde ich mir heute Abend noch einen deutschen Film anschauen, "Killer Condom", also das "Kondom des Grauens". Läuft natuerlich im Castro Theatre im Stadtteil Castro, wo die Passantenschaft zu ca. 80% aus glücklichen, händchenhaltenden und selbstverwirklichten schwulen und lesbischen Pärchen besteht, weshalb auch viele Homosexuelle hier Urlaub machen, um sich auch glücklich und selbstverwirklicht die Händchen halten zu können. (Ich muss jetzt wohl, um Missverständnisse zu vermeiden, einen Disclaimer anbringen, daß ich nichts gegen gleichgeschlechliche Liebe habe, jedenfalls ist das in der Castro schon sehr aussergewöhnlich und sehenwert, diese Umkehrung der Verhältnisse, wo man sich als Heterosexueller ausgegrenzt und unnormal fühlt, und daher musste ich das mal erwähnen)

  mit kollegialen Grüßen an alle meine Miterdenbüger,
    Christian.

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Christian Wolff, *680710 mailto:scarabaeus at ccc.de
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