Hallo!
Ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll, es ist so viel passiert. Also erst mal: Ich habe eine neue Wohnung! Ein Bekannter von Zane arbeitet z.Z. in Los Angeles und Zane hat ihn überredet, mir eines seiner zwei Zimmer in einem grossen Loft in SoMa zu vermieten. Das heisst, ich habe jetzt eine grosse Wohnung praktisch für mich alleine! SoMa heisst die Gegend südlich der Market-Street, also "South of Market", und ist eher eine Industrie- als eine Wohngegend, mit vielen Lagerhäusern, Betrieben, Nachtclubs und Restaurants, nichtsdestotrotz leben dort ziemlich viele Leute in eben diesen umbgebauten Firmenetagen, den sogenannten "Lofts". Und in einem solchen bin ich jetzt, ein grosser Raum, ca. 80 qm mit einer Fensterfront zur Strasse und im hinteren Teil 2 Schlafzimmer, leider ohne eigene Fenster. Dunkel ist es trotzdem nicht, es kommt genug Licht vom Wohnraum durch. Peter, mein Mitbewohner, ist etwa ende 30, Programmierer, Architekt und Schwul, sympatisch und sehr umgänglich. Ich werde ihn aber wohl nur selten sehen, er arbeitet noch mindestens 3 Monate in L.A. Auf jeden Fall habe ich jetzt genug Platz, auch mal Gäste unterzubringen, also: Kurzurlaub in S.F.?
Letzten Freitag war hier eine Veranstaltung, die Zane die letzte Woche über ziemlich viele graue Haare gekostet hat: Die "Webby"-Awards! Die Idee war wohl, so etwas wie die "Academy Awards" (Oskar-Verleihung) für Internet-Web-Sites zu machen, Zane hat sich dazu breitschlagen lassen, die Bühne für diesen Event zu machen. Und das kann ziemlich Nervenaufreibend sein, wenn die Veranstalter nicht genau wissen, was sie wollen. Jedenfalls habe ich mich dann Freitag dort eingefunden, die Créme de la Créme der Webdesigner-Zunft hatte sich in Frack und Abendkleid eingefunden, und ich wusste, ich hatte mit meinem "Atari Teenage Riot"-T-Shirt die richtige Kleidungswahl getroffen. 8-) Wer einmal die Oskarverleihung im Fernsehen gesehen hat, kann sich das ungefähr vorstellen, es war alles etwas kleiner, also nur ca. 1000 (geladene) Gäste und statt Fernsehen gab es standesgemäss Webcast. Die Moderation machte einer dieser oberpeinlichen Stand-Up-Comedians, eine amerikanische Kultur, die ich noch nicht so richtig verstanden habe. Er macht jedenfalls schlechte Computerwitze, um zwischendurch immer mal wieder eine der 19 Kategorien abzuhecheln: 5 Nominierungen vorstellen, Gewinner bekannt geben, warten, bis die Gewinner auf die Bühne gelangt sind, Glücksfee übergibt den Preis (eine Spiralfeder um eine Plexiglasstange) und die Gewinner dürfen einen Satz lang "Danke" sagen. Anschliessend gab es dann noch eine Party im benachbarten Exploratorium, mit kaltem und warmen Büffet, Band und Wodka satt. Auf der Party habe ich dann noch zwei sehr nette Frauen kennengelernt, die als Helfer für diese Veranstaltung volunteerd hatten. Wir sind gegen Ende des Abends gemeinsam in den als besonderen Partygag geöffneten "Tactile Dome" gegangen, eine grosse Kugel im Exploratorium, in der man in völliger Dunkelheit durch mit verschiedenen Materialien ausgekleidete Gänge, Röhren und Kammern krabbelt, robbt oder rutscht. Das war ein sehr erheiterndes Erlebnis, hat superviel Spass gemacht. Mal sehen, vielleicht treffe ich mich demnächst nochmal mit Jennifer und Sarah (so hiessen die beiden)...
Donnerstag hatten wir "Sister" bei der Betalounge zu Besuch, eine Gruppe weiblicher DJs. Eine von denen, Annie, ist mit einem deutschen Programmierer verheiratet, der hier etwas darunter leidet, keinen Kontakt zu anderen deutschen zu haben. Dem habe ich also gestern abgeholfen, und Harry und Annie besucht. Harry und ich haben uns lange unterhalten, und, programmiererunüblich, sogar kaum über Computer geredet. Er kommt aus München und hat für die amerikanische Mutterfirma einer deutschen Softwarefirma gearbeitet und dann Annie kennengelernt. Obwohl die beiden verheiratet sind, zögert das INS (Einwanderungsbehörde) seine Aufenthaltsgenehmigung hinaus, so dass er nicht arbeitet darf und Annie jetzt 2 Jobs machen muss, um die beiden über Wasser zu halten. Behörden sind überall gleich... Annie ist neben DJ auch noch Piercerin und hat lange in einer Tierhandlung gearbeiet, davon hat sie noch einige Schlangen überbehalten. Die grösste, eine knapp 3 Meter lange Gelbe namens "Dr. Octagon", durfte ich dann auf dem Schoß halten, wärend Annie das Terrarium sauber gemacht hat, was ein Viech! Und unglaublich stark, ich kann mir jetzt schon eher vorstellen, daß so ein Wesen einen Menschen erwürgen kann. Wir waren dann noch den ganzen Abend zusammen und sind später noch bis tief in die Nacht in meinem neuen Wohnzimmer versumpft.
Den sonnigen Tag heute habe ich dazu genutzt, mich in meinem Zimmer einzurichten, ich habe mir ein Regal gekauft und viele kleine Dinge, die mir noch fehlten. Das Badezimmer ist noch gröstenteils ohne Wände, da muss ich mir noch mal was zu einfallen lassen, und mein Zimmer hat einen Nebenraum, in dem ziemlich viel Krempel und Werkzeug abgestellt ist, dafür habe ich mir ein schönes, großes indisches Tuch zum Zuhängen besorgt, wird langsam richtig gemütlich. Und ich habe ein Steckdosennachtlicht in Form einer Madonna, superkitschig!
Viel Spass auch Euch allen,
Christian.
-- Christian Wolff *6807101014 mailto:scarabaeus at ccc.de http://bin.ponton.de/~scarabaeus http://scarabaeus.ml.org USA:415-621 6393, 1072 Illinois St San Francisco CA 94107 D: +49-40-3194035 Paul-Roosen Str. 19 D-22767 Hamburg PGP Fingerprint: B871 358C 3F10 A5ED C41C B1DB B9F9 3C44