Dienstag, 12.5.98

Hallo.

Nach einem sonnigen Wochenende mit Radtour und Picknick auf einem alten Bunker auf einem Berg auf der anderen Seite der Golden Gate Brücke (viele "auf"s, ich weiß. Es ging aber auch ganz gut "auf" den Berg hinauf. Trotzdem kein Muskelkater, ich schaffe mittlerweile sogar den Berg zu unserem Haus hoch ohne Absteigen. Nur haben Kat, Steve und ich den Rest des Zanegeburtstagspicknicks nicht gefunden und deshalb unser eigenes gemacht) gibt es heute mal wieder ein paar kleine Abenteuergeschichten.

Neulich war ich auf einer Auktion besonderen Ausmaßes. Hier um die Ecke gibt es einen "Storage Place", wo man einen kleinen Raum von 2 Quadratmetern bis zu Garagengröße mieten kann, um seinen Krempel drin unterzustellen. Sozusagen ein erweiterter Dachboden, oder ein Lagerplatz, wenn man aus seiner Wohnung geflogen ist und nicht weiß, wohin mit dem Zeug. Diese Angebot wird hier offenbar recht häufig genutzt, es gibt ein paar Dutzend diese Storage facilities in der Stadt. Für diese Boxen muß man natürlich auch Miete zahlen, und das scheinen einige der Mieter bisweilen nicht mehr zu tun, sind unbekannt verzogen oder ihnen ist ihr Krempel sonstwie egal. Was also tun, Miete steht aus, Platz wird belegt, da bietet sich die Lösung fast schon von alleine an: Den Schrott verkaufen und somit die Miete wenigstens zum Teil wieder rein- und die Boxen leerkriegen. Und auf einer eben solchen Auktion war ich nun, Morgens um 10 wurde sich am Eingang des Geländes, einer Ansammlung von Schiffscontainern unter einem Highway, getroffen und man bekam einen Zettel mit einer ungefähren Beschreibung des Inhaltes. Es hatten sich ca. 40 Leute eingefunden, die meisten mit Taschenlampe bewaffnet, und nach einer kurzen Belehrung (Zahlung in cash, 3 Tage Zeit zum Leerräumen) ging es auch schon los. Die erste Garage wurde geöffnet: "A39K Javier Alvarez - baby crib, dolly, toys, car seat, chairs, bags of clothes, boxes of misc. household goods". Jeder durfte einen Blick auf das Gerümpelchaos werfen, mit der Taschenlampe im Dunkeln nach versteckten Schätzen stochern und ein nachdenkliches Gesicht machen. Dann wurde auch schon auktioniert: In der zwanglosen Runde wurde nach einem Eröffnungsgebot gefragt, das im Folgenden von eineigen anderen überboten wurde, bis nur einer übrig blieb, der dann den Zuschlag bekam. In diesem Fall für 40 Taler. Und so zogen wir dann weiter um die Containerblöcke, ich bekam eine unglaubliche menge Sperrmüll zu Gesicht und tiefe Einblicke in das amerikanische Alltagsleben. Ganze Leben waren dort vor uns gierigen Geiern ausgebreitet, was mochte wohl Joe Sookdeo dazu getrieben haben, seinen Jacuzzi, seinen Fernseher und seine komplette Schlafzimmereinrichtung mit Nichtbeachtung zu strafen? ($200) Weshalb mochte Lena Eckerholm ihren Videorecorder, ihren Motorradhelm und ihre CDs nicht mehr? ($165) Und warum ließ Shunnee King einen '65er Chevvy Impala ohne Motor zurück, den zu Anfang niemand haben wollte ("Who wants to have it for free? - Who takes it with 5 dollars?"), der dann aber doch noch 175 Taler einbrachte? Am besten waren aber die 2 Garagen von Durand Garcia, bis auf den letzen Kubikzentimeter mit Banankisten und Müllsäcken zugestopft waren, in denen Bücker, Klamotten und die häufig in der Beschreibung auftauchenden "Household goods" zu finden waren. Eine Füllung ging zum unbeschreiblich günstigen Preis von 50 Cent weg, die andere brachte kurioserweise 300 $. Auch wenn das einige von euch anders vermuten mögen, ich habe mich nichtmal ein bisschen in Versuchung gefühlt, auch nur mitzubieten.

Letzte Woche habe ich noch für Zane ein anderes Projekt fertiggemacht, für das ich "Sprechende Backsteine" entwickelt habe. Es ging darum, für eine Kunstausstellung Interviews mit Anwohnern über Gebäude zu machen, wie sich die Gebäude oder die Gegend verändert haben, was sie mit dem Gebäude verbinden und so weiter. Und diese Interviews sollten dann an dem betreffenden Bauwerk angebracht werden, als kleine Kisten mit einem Knopf und einem Lautsprecher, so daß Passanten diese Interviews hören können. Dazu haben ich die Sounddaten mit meinem neuen Eprommer in Eproms, kleine Speicherchips, die die Daten auch ohne Strom halten, hineingebrannt und eine Schaltung gebaut, die diese Eproms auf einem Lautsprecher abspielt. Davon habe ich 5 Stueck gebastelt, mit einem sehr stabilen, kleinen Aluminumdruckgußgehäuse, jeder mag diese kleinen Kästchen und ich muss wohl bald in Serie produzieren... In den nächsten Tagen werden wir die Kästen dann tatsächlich an ein paar Häuser schrauben und mal sehen, wie sie so bei den Leuten ankommen. Und natürlich, wie lange sie halten, ich bin jetzt schon ganz traurig, das meine "Kleinen" wahrscheinlich nach ein paar Tagen vandalisiert oder gestohlen werden, schnüff. Naja, einen Kasten werde ich behalten.

Vorletztes Wochenende war ich bei einer netten Sonntagabendeinrichtung: der Sunset-Party. Da treffen sich, sofern sie Lust haben, ein paar Leutchen an einem Strand in der East Bay (also Berkeley, Richmond oder Oakland), bringen 2 Plattenspieler und eine Anlage mit und machen Musik, bis die Sonne untergeht. Über die üblichen Kanäle verbreitet sich dann das Wann und Wo, und so finden sich dann ein paar hundert junge Menschen ein und genießen das ausklingende Wochenende mit ein wenig Musik, Tanz und Getränk. Richtig angenehm. Nur muß man leider ein Auto haben, um dort hinzukommen, das hatte sich dann aber glücklicherweise ergeben, weil ich den Sonntag Nachmittag mit Christin, einer Berlinerin, die hier auf dem Flohmarkt an einem "Berliner Imbiss" (Selbstgemachte Currywurst und so) arbeitet, und ihrer Mitbewohnerin Skylar, die eine Freundin von unserem Betalounge-DJ Sifu und ehemalige Mitarbeiterin von Annie ist, rumgehangen habe. Christin hatte ich letzten Dezember auf einer Party kennengelernt und dann auf dem Flohmarkt wiedergetroffen, so langsam fange ich an, mir hier eine deutsche Community aufzubauen. Ich habe jetzt auch schon 2 deutsche "Deli's" gefunden, kleine Tante-Emma-Läden, in denen es deutsche "Spezialitäten" gibt.

  Macht's gut,
    Christian.

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Christian Wolff   *6807101014    mailto:scarabaeus at ccc.de
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