Hey!
Nach langer, langer Zeit endlich wieder ein Lebenszeichen von mir... Entschuldigung für die Funkstille, ich hatte nicht so richtig die Muße mich hinzusetzen und zu schreiben. Also, der Reihe nach:
Nach einem schönen Urlaub zuhause, 5 Wochen mit Melissa und 2 ohne sie, bin ich also wieder im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" eingetrudelt. Mein Visumsstatus hat sich nicht wesentlich geändert. Die INS ist sagenhaft langsam, wenn es um die Bearbeitung von Antraegen geht. Mein O-1 Visum hängt also noch immer in der Luft. Bei meiner Einreise mit einem Geschäftsreisenvisum habe ich von den ansonsten netten Beamten nur eine einmonatige Frist bekommen, ich mußte also einen Verlängerungsantrag stellen, Visumsende am 15. Dezember statt am 26. September. Nachdem ich mitte September alles fristgercht eingesendet hatte, bekam ich einen Bestätigungsbrief, in dem stand, daß ich mit einer Antwort nach etwas 150 bis 180 Tagen rechnen kann, also mitte Februar bis mitte März. Da ich mit der Bestätigung bis zum Bescheid hierbleiben kann, ist die ganze Aktion ziemlich lächerlich. Soviel zur Bürokratie und Pünktlichkeit der Amerikaner.
Seit Melissa wieder zu Hause ankam, versucht ihr Hauptmieter, ein Typ namens Steve (eigentlich Esteban), sie und 2 weitere Mitbewohnerinnen aus ihren Zimmern zu ekeln. Offenbar will er den angespannten Wohnungsmarkt nutzen um die Zimmer noch Gewinnbringender unterzuvermieten. Er nimmt eh' schon 300 Taler mehr von seinen Untermietern ein als die ganze Wohnung kostet. Rechtlich kann er uns zwar erstmal nichts, er hat sogar versucht uns mit 3-Tages-Frist zu kuendigen, zm Glueck unwirksam nach den hiesigen Mietgesetzen, aber dort wohnen ist richtig unangenehm geworden, so "bad vibrations" mäßig. Also sind Melissa und ich seit 5 Wochen auf Apartmentsuche, nur leider frustrierend erfolglos. Wenn wir mal eine nette Wohnung mit einem Schlafzimmer für unter 1200 Taler im Monat finden, kriegen wir sie nicht, weil den Vermietern die geforderte Info von uns zu suspekt ist oder sowas, meistens hören wir einfach nichts mehr. Die Anträge auf Wohnungen würden in Deutschland kein Datenschutzgesetz passieren können, die Standardfragen sind: aktueller und die letzten 2 Arbeitgeber sowie Wohnsitze, dann noch Einkommen, Auto und Kontos samt Kreditrahmen (eine wollte sogar die kompletten Kontoauszüge der letzten 6 bis 8 Monate haben) und eine Einwilligung für einen sog. "Credit Check", in etwa eine Schufa-Auskunft, nur daß da nicht nur unbezahlte Kredite, sondern auch alle Kreditrahmen und so drin sind. Offenbar fallen Melissa und ich da durch die Maschen, sie mit "Student" und einem Fleck auf ihrer Kreditweste von vor einigen Jahren, der noch nicht mal ihre Schuld war, und ich ohne Sozialversicherungsnummer, keinem regelmäßigen Einkommen auf meinem Konto, und Referenzen zu vorigen Jobs im obskuren Deutschland. Die Vermieter nehmen da offenbar lieber jemanden, der besser in deren Schema F passt. Auswahl genug haben sie, leider. Wegen der angespannten Situation haben wir jetzt schon fast unsern ganzen Krempel in "Storage" und leben nur noch mit einer Matratze und einem Fernseher in ihrem Zimmer, um da im Ernstfall schnell ausziehen zu können. Soviel zur Gastfreundschaft des Einwandererlandes USA. (Nicht daß das bei uns in Deutschland anders aussieht...)
Gestern abend ist dann etwas passiert, daß bei mir das Faß fast zum überlaufen gebracht hat. Einen Block von unserm Haus entfernt fangen sog. "Projects", Sozialbausiedlungen hauptsächlich für Schwarze, an. Da ich normalerweise vermeide, mit dem Fahrrad 100 Höhenmeter unnötigerweise hoch und wieder runter zu fahren, führt mein Weg häufig duch diese Straßen. Gestern abend hatte ich mir mal wieder ein Zimmer angesehen und hielt auf dem Rückweg an einer roten Ampel. Auf einmal fühle ich ein stechenden Smerz in meinem Ellenbogen und schaue was das ist. Ich sehe eine kleine Beule mit metallischer Spitze an meinem Arm, und als ich da seitlich draufdrücke, springt eine kleine Metallkugel aus der Wunde. Gleichzeitig fängt eine Gruppe schwarzer Jugendlicher, die etwa 20 Meter rechts von mir stehen, an zu lachen: Ich war Ziel einer Luftgewehrattacke geworden. Also brülle ich einen Fluch in deren Richtung und nehme die Beine in die Hand, bzw. trete in die Pedale und mache, daß ich da weg und nach Hause komme. Dort hilft mir Melissa, die fast noch mehr geschockt ist als ich, die Wunde auszuwaschen und zu desinfizieren. Wir sind dann noch zur Polizei gegangen und ich habe das ganze zu Protokoll gegeben, aber die konnten auch nichts weiter machen, als einen Streifenwagen einmal um die Ecke zu schicken. Der Polizist riet mir dann noch, doch nicht durch diese Strassen zu fahren, besonders nicht nachts. Soviel zur amerikanischen Sozialpolitik: Das arme Pack in Ghettos und einen hohen Zaum drum rum. Und immer schön viel Crack reinwerfen, dann bleiben sie still und bringen sich im besten Fall gegenseitig um.
So, jetzt aber genug geweint (auch wenn ich immer noch etwas blass aussehe, wie Ole sagt). In 2 Wochen haben wir unsere Museumseröffnung und es sieht fast so aus, also ob wir dem Bürgemeister, der antanzen wird, und den anderen Premierengästen sogar etwas Funktionierendes zeigen können. Momentan wird der Fußboden bunt bemalt, mit schweren Grabenkämpfen zwischen unserer Künstlerin und der Zeum-Administration über Designfragen. Die Hardware ist fast komplett, nur ein paar Kabel fehlen noch und die Kameras müssen noch montiert und angeschlossen werden. Besonders gefällt mit die Kugelgelenklösung, die sich Michael und Rick für die Standbildkamera haben einfallen lassen: Eine Stange in eine Bowlingkugel gebohrt, die in der Decke zwischen 2 Kunststoffringen eingeklemmt ist. Rick hatte ich, glaube ich, noch nicht erwähnt, er hat, mit seiner Freundin Ali, zusammen mit Zane an den ersten Konzepten für die Ausstellung gearbeitet. Er war einige Monate in der Welt unterwegs und hat sich dann zu uns gesellt, als er wieder zurück war. Ich muss mal demnächst ein paar Fotos scannen und euch zeigen, die Ausstellung sieht wirklich supergut aus! In den letzten Wochen haben wir auch mit einer Gruppe von Schulkindern gearbeitet, die dann in der Ausstellung als Begleiter arbeiten sollen, also den besuchenden Kindern helfen und die Ausstellung erklären sollen. Die Zusammenarbeit ist sehr ermutigend, die sind voller Elan dabei und kriegen in kürzester Zeit raus, wie das alles funktionieren soll. Unser Benutzungskonzept scheint aufzugehen. ;-)
Ein weiterer großer Schritt hier war der Relaunch (oder auch Relounge) unserer Beta Lounge Website. Ole hat ein richtig gutes Design ausgearbeitet und ich habe das ganze nach HTML umgebastelt und ein paar CGI-Scripte geschrieben. Das Ergebnis könnt ihr unter http://www.betalounge.com ansehen. Nachher haben wir auch eine kleine Sponsor-Veranstaltung, die für uns ein Start in die finanzielle Selbstständigkeit darstellt. Wir senden eine Startveranstaltung für Absolut Vodka bzw. deren Musikengagement auf dem Internet namens Absolut DJ. Mal sehen, wie das wird.
So, genug für heute, ich muss jetzt mal wieder an die Arbeit. Ich melde mich bald wieder, spätestens wenn sich was mit unserer Wohnung ergeben hat oder wir die Museumseröffnung hinter uns gebracht haben.
bis bald,
Christian.
PS: Herzlichen Glückwunsch zum Kanzlerwechsel. Mal sehen wieviel tatsächlich wechselt.
-- Christian Wolff *6807101014 mailto:scarabaeus at ccc.de http://206.165.108.42/ (temp.) http://scarabaeus.ml.org USA:415-621 6393, 1072 Illinois St San Francisco CA 94107 D: +49-40-3194035 Paul-Roosen Str. 19 D-22767 Hamburg PGP Fingerprint: B871 358C 3F10 A5ED C41C B1DB B9F9 3C44