Amerikamail 13.11.98

Hallo, Freunde!

Nach einiger Zeit finde ich endlich mal wieder selbige, um etwas von mir hören zu lassen. Gestern sind Melissa und ich endlich zu einer Entscheidung gekommen, aber dazu später. Jetzt schliesse ich erstmal an meine letzte Mail an.

Die Museumseröffnung lief gut, wir hatten unsere Ausstellung betriebsbereit und das Publikumsecho war prima! Die Kids hatten jede menge Spaß, eine kurze Geschichte aus der Mythologie (König Midas) zu spielen, ohne es zu wissen. So lautet z.B. ein Text, zu spielen, dass man in einen Stein beißt. Diese Szene wird dann später zu Koenig Midas, der feststellen muß, das alle Früchte, die er anfaßt, zu Gold werden und er verhungern muß. Nach 20 Minuten Produktion rollt dann auf der Bühne eine Leinwand aus der Decke und das Licht geht aus (alles automatisch Computergesteuert... ;-) und die Gruppe kann sich ihre Schnipsel im Kontext als Film mit Handlung ansehen. Das ganze ist ein riesen Spaß für alle Beteiligten, einige Kinder kommen sogar mehrfach wieder. Natuerlich gibt es noch jede menge Kleinigkeiten zu erledigen, so fehlt noch das automatische veröffentlichen eines fertigen Films im Internet, bislang gibt es nur eine Handvoll manuell aufgenommene, und die auch noch ohne Ton, weil das Zeum-Office eine Soundkarte verschlampt hat. Anzusehen unter http://www.productionlab.com/ , allerdings klappt das Video-on-demand noch nicht so 100%ig, und die alternativ angebotenen Quick-Time-Movies sind recht Voluminös. Schaut einfach gelegentlich mal rein, alles wird besser. Wenn auch recht langsam, da Zeum und seit 1.11. nicht mehr unter Vertrag hat und nichts mehr zahlt, wobei sie jetzt schon Probleme haben uns unser Geld fuer Oktober zu zahlen, aber dazu auch spaeter mehr.

Wie in der letzten Mail schon angedeutet, gab es gewisse Differenzen zwischen Melissa und ihrem Hauptmieter. Nach fast 2 Monaten suche hatten wir dann schliesslich ein etwa 40 Quadratmeter großes Kellerzimmer gefunden, Dusche und Küche haben wir mit dem Pärchen, das die dazugehörige Wohnung bewohnt, geteilt. Mit den beiden, Jim und Lillia, kamen wir auch prima klar, beide waren aus dem "Wired"-Dunstkreis und hatten sogar einige gemeinsame Bekannte. Zuerst hatten wir das Zeug, mit dem wir in Melissa altem Zimmer gehaust haben, in die neue Wohnung rübergebracht, um so schnell wie möglich aus dem alten "Horrorhaus" rauszukommen. Nach etwas einer Woche hatten wir dann alles soweit organisiert, daß wie einen Laster gemietet haben und unsern Krempel aus dem Storage abzuholen, Melissa hatte schon ihre Telefonleitung umgemeldet und sogar einen Kabelanschluss bestellt (War nicht meine Idee, ich hatte allerdings auch nicht allzuviel dagegen). Ein Freund von Melissa, Mark, wartete auf den Telefonmenschen, wähend wir die Fuhre abholten, und als wir mit all dem Zeug vor der Tür standen, kam er mit trauermine raus und meinte, wir können hier nicht wohnen. Was passiert war, der Vermieter war vorbei gekommen, weil sich eine Nachbarin beschwert hat, daß da ein Sofa auf der Straße stände (das Jim und ich am Abend vorher rausgeschmissen haben, in der Hoffnung, jemand würde es mitnehmen) und daß offenbar jemand im Keller einziehen würde. Der hat dann Jim 2 Three-Day-Notices (Behebung der "Zustände", sonst Rausschmiß) gegeben, weil der Kellerraum als Arbeits- und nicht als Lebensraum deklariert war, und ist wieder abgedampft. Unsere Euphorie war dementsprechen etwas gedämpft. Na ja, wir hatten keine andere Wahl und haben dann unser Zeug erstmal ausgeladen, das Sofa entsorgt und Kabelferngesehen. Nach einigem hin und her zwischen dem Vermieter, Jim, Zane und mir war der Vermieter wenigstens bereit, uns ein paar Wochen dort zu dulden, dem war das eigentlich auch egal ob da wer wohnt oder nicht, er war nur gezwungen, der Beschwerde nachzugehen und die gesetzmässigen Zustände wiederherzustellen. Und Jim war das ganze auch peinlich, weil wir den ganzen Umzugsaufwand hatten und er das vorher nicht mit dem Vermieter abgecheckt hat. Wir waren also wieder auf Wohnungssuche.

Diesmal versuchten wir uns aber nicht an Ein-zimmer-appartments, sondern versuchten ein pärchenfreundliches Zimmer in einer WG zu finden. Melissa hat sich zusätzlich noch nach "For Rent"-Schildern umgesehen. Die WG-Suche war nicht besonders erfolgreich, lediglich eine Mutter mit halbem dreijaehrigen Sohn (die andere Hälfte ist beim Vater. Zeitliche Hälfte, natürlich) war bereit, uns ein relativ kleines Schlafzimmer für 950$ zu vermieten. Dann hat Melissa Kontakt zu einem Vermieter aufgenommen, der eine große Wohnung gleich bei uns um die Ecke schon seit einiger Zeit feilbot. Wir haben uns das Ding also angeschaut, ich habe mein Einkommen auf dem Antrag auf 6000 Taler aufgerundet und der Typ, Larry, war bereit uns diese 5 Zimmer Altbauwohnung (114 Jahre!) fuer nur noch 2650$ kalt zu vermieten. Wir muessten dann also nur noch 2 weitere Mitbewohner auftreiben, die bereit sind, ca. 720$ zu zahlen, und wir muessten das Doppelte, also 1440$ monatlich aufbringen. Viel Geld, aber die Wohnung war es wert. Und ich wuerde mich mal in der Situation des Haupt- und nicht des Untermieters befinden. Larry war bereit, den Mietvertrag gegen die Kaution (2500$) zu unterzeichnen und dann zum einzug am 1. Dezember die Dezembermiete zu kriegen. Hier schlug jetzt aber das Schicksal wieder zu: das Zeum hat seine letzten Bargeldreserven in die Eröffnung gesteckt, so daß sie momentan nicht in der Lage sind, Zane für unsere Arbeit zu bezahlen, mithin das komplette Oktober-Geld. Daher kann mir Zane das Geld, das ich bei ihm verdient habe, nicht geben und ich kann die Kaution nicht bezahlen. Dieser erneute Rückschlag hat Melissa und mich zu einer Entscheidung kommen lassen: Wenn wir im Dezember nach Deutschland kommen, suchen wir uns eine Wohnung und Arbeit in Berlin und bleiben fuer mindestens ein halbes Jahr dort. Erstmal Schluss mit San Francisco. Punkt.

Ich fühl mich jetzt schon viel besser, es ist zwar schade, nicht mehr am Pazifik zu sein, aber zumindest habe ich jetzt eine Richtung, in die ich planen kann. Wenn alles klappt und ich genug Geld und eventuell auch endlich ein Visum habe, dann können wir immer noch einen 2. Anlauf machen, aber jetzt werde ich mich erstmal auf Berlin konzentrieren. Was haltet Ihr von der Entscheidung?

  Bis bald,
    Christian.

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